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Der Tod eines Guru

Der Tod eines Guru

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06/16/2015

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Während meines dritten Jahres am College ging ich
durch einen tiefer werdenden Konflikt. In meinem
Innersten wusste ich, dass Gott Schöpfer ist. Das wi-
der sprach der Auffassung, die mich der Hinduismus
gelehrt hatte, nämlich, dass Gott alles sei, Schöpfer
und Schöpfung zugleich. Ich wurde zwischen die sen
Auffassungen hin- und hergerissen. Was ich in der
Meditation erlebte, entsprach den vedischen Leh ren
über Brahman, aber die alltäglichen Lebens er fah run-
gen schienen dem zu widersprechen. In der Tran ce des
Yoga fühlte ich das Einssein mit dem ganzen Univer-
sum. Ich war in keiner Weise verschieden von einem
Käfer, einer Kuh oder einem fernen Stern. Wir alle wa-
ren wesensgleich. Alles war Brahman und Brahman
war alles. »Und das bist du!«, sagten die Veden. Das
bedeutet, dass Brahman mein wahres Ich sei, der Gott
in mir, den ich vor einem Spiegel sitzend anbetete.
Es war schwierig, nach stundenlanger Trance das
Alltagsleben wieder zu meistern, denn der Wider-
streit zwischen diesen zwei Welten schien unlösbar.
Die höheren Bewusstseinsstufen, die ich in der Medi-
tation erklomm, brachten mich angeblich der wahren
Wirklichkeit immer näher; und doch musste ich mich
mit meiner alltäglichen Welt auseinandersetzen. Da
waren Freuden und Leiden, Lust und Schmerz, Ge-
burt und Tod, Ängste und Zweifel oder die bitteren
Auseinandersetzungen mit Tante Revati, die unlös-
baren Fragen meiner Klassenkameraden am Queen’s
Royal College, die heiligen Männer, die stanken und
fluchten, und die Brahmacharyas, die sich verliebten.
Das war die Welt, mit der ich es zu tun hatte.

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Ich konnte sie nicht einfach als Illusion abtun, es
sei denn, dass ich Wahnsinn wahre Erleuchtung nen-
nen wollte. Meine Religion war theoretisch wunder-
bar, aber ich hatte ernsthafte Schwierigkeiten, sie im
Alltagsleben anzuwenden.
Der Kampf gegen meine inneren Visionen drehte
sich nicht allein um meine fünf Sinne. Es war eben-
so eine Sache der Vernunft. Der eigentliche Konflikt
bestand in den zwei gegensätzlichen Gottesauffas-
sungen: War alles Seiende Gott – oder konnte er ei-
nen Felsen oder einen Menschen schaffen, ohne dass
er selbst Bestandteil davon war? Wenn es nur eine
Wirklichkeit gab, dann war Brahman sowohl gut
als auch böse, Liebe und Hass, Leben und Tod. Das
ließ aber alles sinnlos werden, alles Leben wäre ab-
surd. Es war nicht einfach, den gesunden Menschen-
verstand beizubehalten und zugleich die Auffassung
zu ver treten, dass Gut und Böse, Liebe und Hass,
Leben und Tod eine Wirklichkeit seien. Falls Gut und
Böse dasselbe wäre, dann wäre auch jedes Karma
dasselbe und alles wäre egal. Wozu also alle reli giösen
Anstrengungen? Es schien vernunftwidrig. Gosine
erinnerte mich jedoch daran, dass man sich auf die
Vernunft nicht verlassen dürfe, denn auch sie sei der
Illusion unter worfen.
Wenn die Vernunft auch Maya war, wie die Ve-
den lehrten, dann durfte ich überhaupt keiner Auf-
fassung trauen, auch der Vorstellung nicht, dass al-
les Maya und nur Brahman wirklich sei. Wie konnte
ich dann sicher sein, dass die Glückseligkeit, die ich
suchte, nicht auch eine Illusion war? Ich durfte ja mei-
ner Wahrnehmung und Vernunft nicht trauen. Um
die Lehren meiner Religion anzunehmen, musste ich
die Vernunft leugnen. Und was war mit den anderen

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Religionen? Wenn alles eins war, dann waren sie ja
alle gleich. Ich war verwirrt.
Meine einzige Hoffnung war Yoga. Krishna hat-
te in der Gita verheißen, alle Unwissenheit werde
durch die Erkenntnis, dass ich Gott bin, vertrieben. Es
gab Zeiten, da war ich von dieser inneren Vision ge-
blendet und restlos begeistert. Ich glaubte mich so
nahe an der Selbstverwirklichung, dass ich mir ein-
redete, Gott zu sein. Trotzdem war ich diesen inne-
ren Konflikt nie losgeworden, diese Stimme, die mich
vor Selbst betrug warnte. Ich hatte gegen diese letz-
ten Überbleibsel der ursprünglichen Unwissenheit an-
gekämpft und zuweilen auch geahnt, dass ich nahe
daran war, diese Illusion zu überwinden, wie Vater
es getan hatte. Aber ich hatte es nie ganz geschafft,
die Kluft, die mich und die ganze Schöpfung vom
Schöpfer trennte, zu überbrücken.
Ich begann an den Schöpfer als den wahren Gott
zu denken, im Gegensatz zu den vielen Hindugöt-
tern, denen ich in der Trance begegnete. Zunehmend
wurde mir der Unterschied bewusst. Die Hindugöt-
ter flößten mir Furcht und Schrecken ein, dagegen
war ich innerlich gewiss, dass der wahre Gott liebe-
voll und gütig sei. Von keinem der Hindugötter hatte
ich den Eindruck, dass ich ihm vertrauen könnte. Da
war keiner, der mich liebte. Mein Hunger nach dem
Schöpfer wuchs, aber ich kannte keine Mantras an
ihn. Zudem hatte ich das quälende Gefühl, mein Ja-
gen nach der Selbstverwirklichung bringe mich ihm
überhaupt nicht näher, sondern vergrößere die Kluft.
Es machte mir auch sehr zu schaffen, dass der Friede,
den ich in der Meditation erreichte, im Alltagsleben
nie lange anhielt, besonders wenn ich Tante Revati in
die Quere kam.

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»Rabi Maharaj! Wo bist du gewesen?«, tadelte sie
mich wieder in zänkischem Ton – wie immer, wenn
sie sich in letzter Zeit an mich wandte. »Ich hatte dich
gebeten, die Treppe zu fegen!« Sie stand in der Kü-
chentür, gerade als ich nach zwei Stunden Meditation
aus dem Gebetsraum kam. Das glückselige Gefühl in-
neren Friedens, das ich in dieser kurzen Zeit der Ein-
samkeit genossen hatte, wurde durch diese Stimme
zerschlagen. »Ich komme ja schon! Du brauchst mich
gar nicht anzuschreien!«
»Sonst hörst du ja nichts. Du lebst ja immer in ei-
ner anderen Welt.« »Lieber dort als in deiner Welt!«,
brummte ich vor mich hin, doch gerade laut genug,
dass sie es hören konnte.
»Pass auf, was du sagst!«
»Danke gleichfalls!«, schoss ich zurück, doch dies-
mal so, dass sie es nicht hören konnte.
›Draußen die Treppe fegen‹, dachte ich vor mich
hin, ›Herr des Universums, der du Brahman bist! In
der Meditation scheint das alles so wirklich, aber mit
dem Besen in der Hand …?‹
»Hallo Rabi! Wir gehen nach dem Essen zum
Strand. Kommst du mit?« Mein Vetter Krishna, mit
dem ich mich auch nicht besonders vertrug – er hing
zu sehr an seiner Mutter – schrubbte die Stühle und
den Tisch im Hinterhof, wo ich mehrere Wochen zu-
vor den Bettler bewirtet hatte. Mit dem Besen auf der
Schulter schlenderte ich müßig zu ihm hinüber.
»Vielleicht«, antwortete ich tonlos, »falls ihre kö-
nigliche Majestät nicht verlangt, dass ich das Dach
auch noch fege.«
»Pass auf dein loses Mundwerk auf, verstan-
den!« Tante Revati war die Treppe herabgekommen,
um meine Arbeit zu überprüfen, und hatte sich leise

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neben mich gestellt. »Du gehst besser hin und fegst
die Treppe noch einmal – alles ist noch voll von
schwarzem Staub.«
»Ich kann dem Wind nicht verbieten, den Staub
zurückzuwehen!«, gab ich zornig zurück. Ein leichter
Wind trug das feine Pulver von der nahen Zuckerfa-
brik zurück auf die Treppe, sobald ich sie gefegt hatte.
Ich konnte wirklich nichts dafür. Warum ließ sie mich
denn nie in Ruhe?
»Du Faulpelz!«, tadelte sie weiter. »Genau wie
dein Vater!« Wie mein Vater? Ich stieß einen gequäl-
ten Schrei aus, der mich selbst erschreckte. So durfte
niemand über ihn reden! Jahre schwelenden Hasses
brachen jetzt wie ein Vulkan aus. Mein Blick fiel auf
die Hantel, mit der Nana geübt hatte. Sie lag am üb-
lichen Ort, nur einen Schritt von mir entfernt. Blind
vor Wut bückte ich mich … und als ich mich aufrich-
tete, hatte ich die Hantel wie einen Kricketschläger
an einem Ende aufgehoben. Ich holte weit nach
hinten aus und zielte auf Revatis Kopf. Da warf sich
Krishna mit einem verzweifelten Satz in meine Arme.
Der Bann war gebrochen, meine übermenschliche
Kraft verließ mich und die Hantel schlug mit solcher
Wucht auf den Boden, dass sie tiefe Risse hinterließ.
Mir war, als sei ich eine Ewigkeit dagestanden und
hätte in Tante Revatis aschfahles Gesicht gestarrt. Ihr
Mund war halb geöffnet, mit einem lautlosen Schrei
auf den Lippen erstarrt. Meine Augen flogen zur Han-
tel, die sich in den Boden eingegraben hatte, dann zu
Krishna, der schwer atmend und mit vor Schreck ge-
weiteten Augen hinter mir stand, und wieder zurück
zu meiner völlig benommenen Tante. Laut schluch-
zend rannte ich die Treppe hoch. In meinem Zimmer
schlug ich die Tür zu und schloss hinter mir ab. Ich fiel

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aufs Bett, leise vor mich hinweinend. Ich konnte nicht
fassen, was geschehen war.
Meine Welt war zusammengebrochen. Nie mehr
würde ich meiner Tante oder einem anderen Men-
schen in die Augen schauen können.
Ich glaubte an Gewaltlosigkeit und hatte sie mei-
nen jungen Freunden wie ein Gandhi gepredigt. Selbst
war ich der strengste Vegetarier, weil mir alles Leben
heilig war.

Sorgfältig achtete ich darauf, nie eine Ameise oder
einen Käfer zu zertreten. Wie konnte ich nur mei-
ne Hand gegen einen Menschen, ja, sogar gegen die
Schwester meiner Mutter, erheben? Und wie hatte ich
es fertiggebracht, jene schweren Gewichte wie eine
Keule über meinem Kopf zu schwingen?
Nach Mitternacht, als jedermann schlief, hätte ich
auf der Veranda sitzen und die Glückseligkeit durch
Yoga suchen sollen – nicht aber in dieser Nacht! Ich
schlich leise aus meinem Zimmer durch die Küche
und die Treppe hinunter in den Hinterhof. In der
Dunkelheit tastete ich mich an den Wänden entlang,
bis ich auf die Hantel stieß. Sie lag da, wo ich sie fallen
ließ. Ich wollte ganz sicher sein. Mich bückend fasste
ich die Hantel mit beiden Händen und versuchte sie
mit ganzer Kraft hochzustemmen. Trotz aller Anstren-
gung gelang es mir nicht, sie auch nur einen Zentime-
ter vom Boden zu heben. Mit einem krampfartigen
Schluchzen wandte ich mich wieder zur Treppe.
Zurück im Zimmer fiel ich wieder auf mein Bett
und weinte ins Kissen hinein. Woher war diese un-
glaubliche Kraft gekommen, mit der ich diese Eisen-
gewichte wie eine Feder aufgehoben hatte? Zorn al-
lein, auch der wildes te, brachte das nicht fertig. Hatte
einer der Geister, denen ich in der Meditation begeg-

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nete, von mir Besitz ergriffen? Wer es auch gewesen
sein mochte: Es war eine böse Macht, welche die Han-
tel gehoben hatte, daran zweifelte ich nicht. Aber ich
hatte doch nach der Vereinigung mit Brahman ge-
trachtet! War er also doch gut und böse, Tod und Le-
ben? War das jetzt die Antwort? War das mein wahres
Ich – dieses bösartige, machtvolle Wesen, das für ei-
nen kurzen Augenblick den frommen Anstrich der
Religion hatte fallen lassen? Nein! Das durfte nicht
wahr sein! Ich war entsetzt. Wie konnte ich wissen, ob
diese böse Macht nicht wieder von mir Besitz ergrei-
fen würde – und mit noch tragischeren Folgen?
Die Frage quälte mich. Wer waren diese Götter,
denen ich durch Nyasa, Yoga und Meditation Einlass
gewährt hatte? Waren sie gut oder böse oder beides?
Oder war alles Maya und ich ein Wahnsinniger, der
dahinter noch einen Sinn zu finden suchte? Trotz aller
Überredungsküns te blieb ich mehrere Tage ohne zu
essen und zu trinken in meinem Zimmer. Und als ich
mich der Welt wieder stellte, jener Welt, die angeblich
nicht war und mir dennoch so zu schaffen machte,
konnte ich ihr kaum in die Augen schauen. Ich sprach
kaum mit jemandem. Tante Revati ging ich aus dem
Weg. Sie gab mir auch keine Befehle zu Hausarbeiten
mehr. Selbst meine morgendlichen Besuche bei Ma
waren kurz und angespannt.
Schließlich geschah doch, was ich gehofft hat-
te: Die Zeit verhüllte auch diese entsetzliche Phase
meines Lebens hinter dem wohltuend entschärfenden
Schleier der Ferne. Noch immer versuchten Tante Re-
vati und ich uns zu meiden, doch immerhin konnte
ich, wenn es die Umstände forderten, das Nötige in ei-
nigermaßen freundlichem Ton sagen. Auch ihr konn-
te man keinen Groll mehr anmerken – äußerlich we-

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nigstens nicht. Was mich am längsten belastete, war,
mich selbst zu überzeugen, dass ich Brahman sei …
und eine tiefe, unlösbare Ungewissheit darüber, wer
oder was Brahman und die vielen Götter, die ich an-
betete, in Wirklichkeit waren. Und wer war ich?
In meinem Trachten nach Selbstverwirklichung er-
litt ich einen schweren Rückschlag.

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