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Dahlke, Rüdiger - Meditation - Reisen nach Innen

Dahlke, Rüdiger - Meditation - Reisen nach Innen

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Published by: Manuel Verwohl on Jan 06, 2011
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08/02/2013

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Nicht selten spielt sich aus den schon erwähnten Gründen der
Intellekt als Hüter der eigenen Tiefen auf, um aus egoistischen
Gründen seine Jungfräulichkeit zu bewahren. So wird er zum
Verhinderer, der - da es um Meditation geht - nicht zu
bekämpfen, wohl aber auszutricksen ist. Es gibt eine Reihe von
Ansätzen, um Botschaften am Intellekt vorbei in seelische
Tiefen zu schleusen. All diese Wege sind bei näherer
Betrachtung nicht besonders ehrlich. Selbst so weithin
akzeptierte Verfahren wie das autogene Training bedienen sich
doch recht platter Unwahrheiten, um die gewünschten
Ergebnisse zu erzielen. Wer sich fortgesetzt einredet, sein
rechter Arm sei schwer, ganz schwer, belügt sich anfangs selbst,
denn der Arm ist keineswegs schwer und jedenfalls nicht
schwerer als der linke. Fährt man aber lange genug mit solchen
Behauptungen fort, entwickelt sich die Schwere. Solche
Suggestionen sind nur auf den ersten Blick unrichtig, werden
aber auf den zweiten wahr. Das autogene Training bedient sich
nun einer sehr durchsichtigen und damit auch für den Intellekt
durchschaubaren Methode. Verfahren wie Neurolinguistisches
Programmieren (NLP) bedienen sich viel raffinierterer Tricks.
In manchen der später benutzten Einleitungstexte werden
Passagen auffallen, wo scheinbar die Grammatik nicht mehr
stimmt. Da werden dann die letzten Worte eines Satzes schon in
den kommenden mit hinübergenommen wie im folgenden
Beispiel:

»Zeit und Raum werden immer unwichtiger und gleichgültig,
wie tief Sie schon sind, können Sie mit dem nächsten Atemzug
noch mehr loslassen geschieht so leicht und ganz von selbst
sinken Sie tiefer und tiefer in die Entspannung breitet sich aus
der Tiefe dringen Töne an ihr Ohr...«

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Alle unterstrichenen Worte erfüllen hier eine Doppelfunktion,
die der Intellekt nicht gewohnt ist. Wenn solche Techniken noch
mit anderen Verwirraktionen gekoppelt werden, wie zum
Beispiel Pseudoalternativen und ungewohnte Betonungen, führt
das dazu, daß der Intellekt zunehmend aufgibt und sich etwas
mehr zurückzieht, was die Tore zum Unterbewußten weiter
öffnet. Pseudoalternativen sind zum Beispiel die unterstrichenen
Teile folgender Formulierungen:
»Jetzt schon oder gleich gleiten Sie in so tiefe Ruhe, daß Sie
ganz bei sich sein können und doch auch schon über alle Maßen
offen sind oder bald, während Sie noch tiefer in die inneren
Welten sinken und sich bereits in diesem Augenblick oder in
den nächsten Minuten noch weiter der Unterlage anvertrauen
können und der ganzen Situation.«
Die vergrößerten Passagen14

könnten zusätzlich besonders
betont werden. Der Effekt ist, daß neben dem noch halbwegs
logischen Text, der seinen Weg über den Filter des Intellekts
nimmt, ein zweiter Inhalt praktisch ungefiltert am Intellekt
vorbei in die Tiefe dringt, der nur noch aus einigen besonders
geladenen Worten besteht, die aber die Stimmung vermitteln,
um die es eigentlich geht. Im Fall unserer beiden
Beispielpassagen sind es folgende Botschaften:
Tief - leicht - Tiefe - Ruhe - über alle Maßen offen - innere
Welten – Vertrauen. Bei Meditationskassetten ist dieser Effekt
noch dadurch zu intensivieren, daß man den normalen Text auf
eine gesonderte Spur spricht und über Kopfhörer nur in das
rechte Ohr speist, während die gefühlsbetonten Worte des
anderen Textes nur in das linke Ohr geleitet werden. So
kommen die Botschaften ganz gezielt an die richtige Stelle,
unbemerkt vom Intellekt, der nicht imstande ist, so vielen
verschiedenen Spuren gleichzeitig zu folgen, geschweige denn,
diese zu kontrollieren.15
Die Pseudoalternativen machen es dem Intellekt nicht leicht:
Eigentlich liebt er Alternativen, geben sie ihm doch die

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Möglichkeit, sich zu entscheiden. Dies vermittelt ihm Gefühle
von Macht und Kompetenz, die er am meisten braucht. So läßt
er sich bereitwillig auf die Alternativen ein und entscheidet sich.
Bis er schließlich merkt, daß, egal wie er sich auch entscheidet,
es immer auf dasselbe hinausläuft, ist es auch schon zu spät.
Tatsächlich ist es dem Meditationsleiter egal, ob sich der
Meditierende jetzt oder gleich entspannt, Hauptsache, er
entspannt sich. An solchen Punkten bleibt der Intellekt gerne
hängen und kann dem Text nicht mehr folgen. Wenn er aber
zurückbleibt und über den erlebten Schwindel nachsinnt,
versäumt er bereits die nächsten Klippen und läßt eine
sonderbare Betonung außer acht oder eine eigenartige
Satzverknüpfung unkontrolliert passieren. So entgleitet ihm
immer mehr die Kontrolle, was ja das Ziel des ganzen
Unternehmens ist.
Natürlich ist es keine besonders ehrenwerte Taktik, jemanden
so zu verwirren und aufs Glatteis zu führen, andererseits ist es
einer der besten Wege, um Zugang zum Unterbewußten zu
schaffen. Dem Intellekt entspricht das Urprinzip Merkur.
Hermes-Merkur ist der antike Gott der Verbindungen und der
Kommunikation. Es unterstehen ihm die Wege, die geraden und
die krummen (Touren), der Handel, aber auch jede Form von
Kuhhandel; letztlich sogar Betrug und Diebstahl, denn wie der
Händler sorgt ebenso der Dieb für Austausch, wenn auch auf
seine unerlöste Art. Deshalb gehören auch alle Tricks zu diesem
Archetyp. Mit raffinierten trickreichen Formulierungen
behandelt man den Intellekt sozusagen homöopathisch und
schlägt ihn mit seinen eigenen Waffen.
Natürlich gibt es auch Methoden, die statt auf krumme Touren
auf Einfühlung setzen. Am idealsten ist es, beide Arten zu
kombinieren. Wenn man für einen einzelnen eine Meditation
spricht, ist es zum Beispiel sehr hilfreich, die auf Entspannung
zielenden Passagen in das Loslassen des Ausatmens
hineinzusprechen, also Wendungen wie Loslassen - fallen lassen

-64-

- Geschehenlassen nur dann, wenn der Meditierende tatsächlich
gerade eine Erfahrung des Loslassens macht. Es ist wichtig, daß
die Suggestionen anfangs nachvollziehbar stimmen, weshalb
man gut mit ganz banalen Beschreibungen jener Situation
beginnen kann, in der sich der Meditierende gerade befindet,
solange er jedes Wort in seiner äußeren und inneren
Wirklichkeit bestätigt findet. Wenn auf diese Weise eine
verläßliche Verbindung hergestellt ist, kann man allmählich
Formulierungen bringen, deren erster Teil nachweislich stimmt,
deren zweiter Teil aber bereits ein Anliegen transportiert, das
vielleicht noch gar nicht stimmt, jedenfalls nicht kontrollierbar
ist. Hier helfen wieder Pseudoalternativen: »Ihr Atem fließt
ruhig und rhythmisch (stimmt, nachvollziehbar), während Sie
jetzt oder gleich so tief sinken, daß Sie sich sehr angenehm und
wohl fühlen und Bilder wie von selbst auftauchen.«
Daß der Meditierende sich angenehm und wohl fühlt, wollen
wir erreichen. Ob dies auch stimmt, wissen wir nicht, doch der
Meditierende selbst kann es ebenfalls nicht entscheiden, da die
Formulierung ja auch dann noch stimmt, wenn er sich erst
demnächst wohl fühlt, was er jetzt aber noch nicht wissen kann.
Er muß also für den Augenblick erst einmal zustimmen und
befindet sich zugleich in der offenen Erwartung, daß er sich
vielleicht gleich angenehm wohl fühlen wird und wie von selbst
Bilder auftauchen. Da Bilder und Gedanken ständig ohne sein
Dazutun auftauchen, kann er diesen Teil wieder sicher
bestätigen, und so wird in ihm der Verdacht reifen, daß, wenn
sonst alles stimmt, wahrscheinlich auch der mittlere Teil
bezüglich des Wohlfühlens stimmen wird - und schon beginnt er
sich wohl zu fühlen.
Es ist also wichtig, lieber sehr einfach und nachvollziehbar zu
beginnen, und die Meditierenden genau dort abzuholen, wo sie
sich wirklich gerade befinden. Die schönsten und bestgemeinten
Suggestionen voller guter Wünsche und herrlicher Erfahrungen
bleiben wirkungslos, wenn der Einstieg nicht gelingt. Ist die

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Verbindung einmal hergestellt und haben die Meditierenden
Vertrauen gewonnen, kann man mutiger in den Formulierungen
werden und sie dann auch zu neuen Erfahrungen anregen. Je
besser die Anpassung des Sprechers an die Meditierenden ist,
desto bereitwilliger und sicherer können sie folgen. Dieses
Sicheinschwingen auf eine gemeinsame Ebene gelingt
erfahrungsgemäß anfangs am besten mit nur einem
Meditierenden. Eine gute Möglichkeit ist, sich zunächst selbst
dem Atemrhythmus des Meditierenden anzupassen, und, sobald
man einige Zeit in einem gemeinsamen Rhythmus war, diesen
auf den Weg mitzunehmen. Die Wirksamkeit solcher
Anpassung kann der folgende Versuch zeigen:
ÜBUNG:
Wenn Sie bei nächster Gelegenheit zu Ihrem bereits
schlafenden Partner ins Bett gehen, kuscheln Sie sich eng an ihn
und gehen ganz bewußt in denselben Atemrhythmus. Wenn Sie
eine Zeitlang im gleichen Rhythmus geatmet haben, können Sie
anfangen, ihren eigenen allmählich zu verändern, und Sie
werden wahrscheinlich feststellen, wie ihr schlafender Partner
Ihnen bereitwilliger folgt als Sie das vielleicht gewohnt sind.

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