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¹Was ist eine bipolare Störung?


Matthias C. Angermeyer Ergebnisse einer Repräsentativumfrage bei der
Herbert Matschinger deutschen Allgemeinbevölkerung
¹What is a Bipolar Disorder?“

Originalarbeit
Results of a Representative Survey of the German Population

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Zusammenfassung Abstract

Fragestellung: Ziel der Studie ist zu erkunden, inwieweit das Aim: To explore to what extent the lay public knows that the
Laienpublikum mit einer bipolaren Störung eine psychische Er− term bipolar disorder denotes a mental disorder. Method: In Jan−
krankung assoziiert. Methode: Im Januar 2005 wurde bei einer uary 2005, a telephone survey was conducted among a random
Zufallsstichprobe der deutschen Allgemeinbevölkerung (n = sample of the German population (n = 1006). Out of four options
1006) eine Telefonumfrage durchgeführt. Den Befragten wurden given, respondents were asked to select the one they considered
vier verschiedene Erklärungen für eine bipolare Störung angebo− to be the correct explanation of what is meant by bipolar disor−
ten unter denen sie eine auswählen sollten. Ergebnisse: Mit Ab− der. Results: Most of the respondents (61 %) believed that bipolar
stand am häufigsten, von 61 % der Befragten, wurde unter einer disorder is just another term for the melting of the polar ice caps,
bipolaren Störung die Eisschmelze am Nord− und Südpol ver− only 4.6 % associated it with mental illness. Discussion: The
standen. Nur 4,6 % brachten den Begriff mit einer psychischen Er− question arises as to whether it makes sense to use a diagnosis
krankung in Zusammenhang. Diskussion: Es stellt sich die Frage, which the lay public associates with everything but a mental ill−
ob es sinnvoll ist für eine psychische Störung eine diagnostische ness. Since it is impossible to erase the term bipolar disorder
Bezeichnung zu wählen, die das Laienpublikum an vieles andere from the psychiatric terminology, it seems necessary to increa− 289
aber nicht an eine psychische Erkrankung denken lässt. Da aber singly propagate this term among the lay public.
eine Rücknahme des Begriffs der bipolaren Störung nicht infrage
kommt, erscheint es notwendig, sich vermehrt um dessen Propa−
gierung im Laienpublikum zu bemühen.

Einleitung gang in das Alltagswissen gefunden hat. Wie hoch ist in der Be−
völkerung der Anteil derer, denen bekannt ist, dass es sich bei ei−
Die Krankheitsbezeichnung ¹bipolare Störung“ tauchte erstmals ner bipolaren Störung um eine psychische Erkrankung handelt?
im DSM−III auf und wurde in den nachfolgenden Revisionen des Dass möglichst viele darüber Bescheid wissen erscheint in Zei−
amerikanischen Diagnosesystems (DSM−III−R und DSM−IV) bei− ten, in denen die Psychiatrie um mehr Transparenz gegenüber
behalten. Die ICD übernahm sie in ihrer zehnten Revision. Zuvor der Öffentlichkeit bemüht ist, nur wünschenswert.
war die Diagnose ¹manisch−depressive Erkrankung“ (DSM−II)
bzw. ¹manisch−depressive Psychose“ (ICD−9) gebräuchlich gewe−
sen. Nun stellt sich die Frage, inwieweit die neue Diagnose Ein−

Institutsangaben
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Universität Leipzig

Korrespondenzadresse
Prof. Dr. Matthias C. Angermeyer ´ Klinik und Poliklinik für Psychiatrie ´ Universität Leipzig ´
Johannisallee 20 ´ 04317 Leipzig ´ E−mail: krausem@medizin.uni−leipzig.de

Bibliografie
Psychiat Prax 2005; 32: 289 ± 291  Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ´ New York
DOI 10.1055/s−2005−866862
ISSN 0303−4259
Methode
Tab. 1 Antworten der Befragten auf die Frage ¹Was ist eine bipola−
Stichprobe re Störung?“ (n = 1006)
Wir schalteten zwei Fragen in eine Telefonumfrage, die in der
1. Frage1 2. Frage2
ersten Januarwoche 2005 von dem Institut für Markt−, Mei−
n % n %
nungs− und Sozialforschung USUMA in Berlin bei einer Zufalls−
auswahl von in Privathaushalten lebenden Personen deutscher
Eisschmelze am Nord− und Südpol 614 61,0 40 63,9
Nationalität ab 14 Jahren durchgeführt wurde. Die Stichprobe infolge der Erwärmung
wurde auf der Basis der ADM−Telefonstichprobe mit der Stufe Schlechtwetterfront 166 16,5 15 23,4
Rufnummerauswahl gezogen. Die Stichprobe enthielt private andere Bezeichnung für elektrischen 111 11,0 4 6,6
Festnetzanschlüsse mit generierten Telefonnummern. Insgesamt Kurzschluss
wurden 20 000 Nummern gezogen, was einem Anteil von 5 % al− psychische Krankheit 46 4,6 4 6,1
ler deutschen Haushalte mit Festnetzanschluss entspricht. Die weiß nicht 63 6,3 ±
Zielpersonen innerhalb der Haushalte wurde mithilfe der Last− keine Angaben 6 0,6 ±
Originalarbeit

birthday−Methode ausgewählt, d. h., das Interview wurde mit 1


¹Was ist eine bipolare Störung? Ich lese Ihnen dazu 4 Möglichkeiten vor. Bit−
der Person durchgeführt, die zuletzt Geburtstag hatte. Es wurden te wählen Sie die nach Ihrer Meinung richtige Erklärung“ (alle Befragten).
2
1006 Interviews durchgeführt. Dies entspricht einer Responsera− ¹Wenn Sie es nicht genau wissen, was könnte am ehesten damit gemeint
sein? Dazu lese ich Ihnen die vier Möglichkeiten noch einmal vor“ (alle Be−
te von 61 %. Erst wenn 15 Versuche an 3 verschiedenen Tagen der

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fragten mit Antwort ¹weiß nicht“ in Vorfrage)
Woche erfolglos geblieben waren, wurde eine Telefonnummer
aussortiert. Um Vergleichbarkeit mit der deutschen Allgemein−
bevölkerung zu gewährleisten, wurden die Daten hinsichtlich Ergebnisse
Geschlecht und Alter gewichtet
In Tab. 1 ist für die beiden Fragen dargestellt, wie viele der Be−
Von den 1006 Befragten wohnten 79,4 % in den alten Bundeslän− fragten sich jeweils für die angebotenen Antwortmöglichkeiten
dern. 48,4 % waren Männer, 29,9 % jünger als 35 Jahre, 35,8 % zwi− entschieden. Beinahe alle (93,1 %) wählten eine der vier angebo−
schen 35 und 55 Jahren alt und 34,3 % 55 Jahre alt und älter. tenen Antwortmöglichkeiten. Lediglich 6,3 % reagierten auf un−
30,8 % verfügten maximal über einen Volksschulabschluss, 30,8 % sere Frage mit ¹weiß nicht“ (zusätzlich gaben 0,6 % keine Ant−
über einen mittleren Bildungsabschluss und 38,4 % über Abitur wort). Mit Abstand am häufigsten, von 61 % der Befragten, wurde
bzw. Hochschulreife. eine bipolare Störung mit der Eisschmelze an den beiden Polen
in Zusammenhang gebracht. 16,5 % waren der Meinung, dass es
Fragen sich dabei um eine Schlechtwetterfront handelt. 11 % glaubten,
Allen Respondenten wurde folgende Frage gestellt: dass es eine andere Bezeichnung für einen elektrischen Kurz−
290 schluss sei. Auf die Idee, dass mit einer bipolaren Störung eine
¹Was ist eine bipolare Störung? Ich lese Ihnen dazu vier Möglich− psychische Krankheit gemeint sein könnte, kamen die wenigs−
keiten vor. Bitte wählen Sie die nach Ihrer Meinung richtige Er− ten, gerade 4,6 %. Von den Respondenten, die ursprünglich mit
klärung: ¹weiß nicht“ geantwortet hatten und sich erst auf Nachfragen
± Eisschmelze am Nord− und Südpol infolge der Erwärmung, hin für eine der angebotenen Antwortmöglichkeiten entschie−
± andere Bezeichnung für elektrischen Kurzschluss, den, tippten ebenfalls die meisten (63,9 %) auf die Eisschmelze
± psychische Krankheit, an den Polen und nur ganz wenige (4 von insgesamt 63) auf
± Schlechtwetterfront.“ eine psychische Krankheit.

Neben diesen vier Antwortmöglichkeiten wurde die Antwortka− Mithilfe einer multinomialen logistischen Regressionsanalyse
tegorie ¹weiß nicht“ angeboten. Die Respondenten, die diese ge− untersuchten wir den Einfluss von Geschlecht, Alter, Schulbil−
wählt hatten, wurden dann gefragt: dung und Wohnsitz auf die von den Befragten getroffene Wahl.
Mit diesen Variablen konnten lediglich 4 % der Varianz erklärt
¹Wenn Sie es nicht genau wissen, was könnte am ehesten damit werden. Wie aus Tab. 2 hervorgeht, fand sich ein einziger statis−
gemeint sein? Dazu lese ich Ihnen die vier Möglichkeiten noch tisch signifikanter Zusammenhang: Personen mit Abitur hielten
einmal vor: häufiger eine bipolare Störung für eine andere Bezeichnung für
± Eisschmelze am Nord− und Südpol infolge der Erwärmung, einen elektrischen Kurzschluss. Männer wie Frauen, Alte wie
± andere Bezeichnung für elektrischen Kurzschluss, Junge, Personen mit niedriger oder hoher Schulbildung und sol−
± psychische Krankheit, che aus Ost und West waren gleichermaßen mehrheitlich davon
± Schlechtwetterfront.“ überzeugt, dass mit einer bipolaren Störung die Eisschmelze an
den beiden Polen gemeint sei, und zogen nur ausnahmsweise
Bei beiden Fragen wurde die Reihenfolge der vier Antwortmög− eine psychische Krankheit in Betracht.
lichkeiten zufallsmäßig variiert.

Angermeyer MC, Matschinger H. ¹Was ist eine bipolare Störung?“ ¼ Psychiat Prax 2005; 32: 289 ± 291
Tab. 2 Zusammenhang zwischen soziodemografischen Merkmalen und der Antwort auf die Frage ¹Was ist eine bipolare Störung?“ (multi−
nomiale logistische Regressionsanalyse) (Referenzkategorie ¹weiß nicht“)

Eisschmelze an Nord− Schlechtwetterfront elektrischer Kurzschluss psychische Krankheit


und Südpol
RRR (95 %−KI) RRR (95 %−KI) RRR (95 %−KI) RRR (95 %−KI)

Geschlecht (weiblich) 1,209 (0,697 ± 2,095) 0,797 (0,432 ± 1,469) 0,663 (0,339 ± 1,297) 0,656 (0,290 ± 1,483)
Alter 0,984 (0,967 ± 1,001) 0,995 (0,976 ± 1,013) 0,981 (0,961 ± 1,001) 0,976 (0,952 ± 1,001)
Hauptschulabschluss mit Lehre1 1,437 (0,847 ± 2,438) 1,594 (0,890 ± 2,854) 0,650 (0,315 ± 1,341) 0,685 (0,293 ± 1,604)
mittlere Reife1 1,033 (0,648 ± 1,649) 1,064 (0,627 ± 1,803) 0,683 (0,369 ± 1,265) 0,745 (0,382 ± 1,532)
Abitur1 1,377 (0,682 ± 2,780) 0,641 (0,274 ± 1,502) 2,661 (1,212 ± 5,843) 1,710 (0,698 ± 4,193)
Studium1 0,828 (0,464 ± 1,478) 1,045 (0,548 ± 1,990) 1,828 (0,936 ± 3,571) 0,692 (0,287 ± 1,671)
Wohnort (neue Bundesländer) 1,095 (0,540 ± 2,222) 1,342 (0,621 ± 2,902) 1,019 (0,428 ± 2,428) 1,013 (0,345 ± 2,975)

Originalarbeit
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Referenzkategorie: Hauptschulabschluss ohne Lehre; RRR = Relative Risk Ratio

Diskussion verspricht. A la longue wird diese Strategie der Stigmaprävention

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aber sicher nicht aufgehen. Die Umwelt könnte sich am Ende so−
Rund 15 Jahre nach seiner Einführung in der Fachwelt ist der Be− gar düpiert fühlen und noch ablehnender reagieren als sie dies
griff der bipolaren Störung beim Laienpublikum immer noch so ohnehin tut. Da eine Rücknahme des Begriffs der bipolaren Stö−
gut wie unbekannt. Ganze 4,6 % der von uns Befragten wussten, rung nicht infrage kommt, erscheint es notwendig, sich verstärkt
dass sich dahinter eine psychische Krankheit verbirgt. Dabei um dessen Propagierung im Laienpublikum zu bemühen und um
muss mangels entsprechender Informationen offen bleiben wie Aufklärung darüber, was sich dahinter versteckt. Dabei könnte
viele davon in der Psychiatrie Tätige bzw. psychiatrische Patien− der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen eine wichtige
ten waren, die qua Beruf oder Behandlung in der Psychiatrie mit Rolle zukommen.
der Diagnose Bekanntschaft gemacht hatten. Als weitere Limitie−
rung ist zu nennen, dass die Ergebnisse unserer Umfrage ange−
sichts der relativ niedrigen Responserate nur mit Vorbehalt als Literatur
repräsentativ für die deutsche Allgemeinbevölkerung gelten
1
können. Angermeyer MC. Das Stigma psychischer Krankheit aus der Sicht der
Patienten ± Ein Überblick. Psychiat Prax 2003; 30: 358 ± 366
2
Angermeyer MC. Stigmatisierung psychisch Kranker in der Gesell−
In dem Austausch der Diagnose einer manisch−depressiven Er− schaft. Psychiat Prax 2004; 31: S246 ± S250 291
krankung gegen die einer bipolaren Störung könnte man durch− 3
Holzinger A, Angermeyer MC, Matschinger H. ¹Was fällt Ihnen zum
aus einen Rückschritt sehen, insofern, als eine allgemein ver− Wort Schizophrenie ein?“ Eine Untersuchung über soziale Repräsen−
tationen der Schizophrenie. Psychiat Prax 1998; 25: 9 ± 13
ständliche Krankheitsbezeichnung gegen ein kryptisches diag− 4
Holzinger A, Beck M, Munck S, Weithaas S, Angermeyer MC. Das Stig−
nostisches Label ausgetauscht wurde, dessen Bedeutung sich ma psychischer Krankheit aus der Sicht schizophren und depressiv Er−
für Laien auf Anhieb nicht erschließt, ja sie auf eine falsche Fähr− krankter. Psychiat Prax 2003; 30: 295 ± 301
5
te lockt. Dies mag kurzfristig als Vorteil erscheinen da es den Be− Nordt C, Müller B, Lauber C, Rössler W. Erhöhte Stigmatisierung durch
vergangenen Klinikaufenthalt? Resultate einer Befragung der Schwei−
troffenen die Camouflage ihrer psychischen Erkrankung erleich−
zerischen Bevölkerung. Psychiat Prax 2003; 30: 384 ± 388
tert und sie damit vor dem Stigma, das psychischer Krankheit ge−
meinhin anhaftet [1 ± 5], zumindest vorübergehend zu schützen

Angermeyer MC, Matschinger H. ¹Was ist eine bipolare Störung?“ ¼ Psychiat Prax 2005; 32: 289 ± 291